Es gibt Musiker, die spielen ein Instrument. Und es gibt solche, die sind ein Instrument. Antonio Lizana ist einer von letzteren. Der 1986 in San Fernando geborene Andalusier singt Flamenco und spielt Jazz-Saxophon, und er tut beides gleichzeitig, ohne dass dabei das eine das andere verdrängt. Stattdessen entsteht etwas Drittes: eine Musik, die nach Meersalz und Großstadtnacht riecht, nach Cádiz und Manhattan, nach quejío und Charlie Parker.
Lizanas Geburtsstadt San Fernando liegt auf einer Halbinsel südwestlich von Cádiz – eine Stadt, die zu den Wiegen des Flamenco zählt. Hier wuchs Antonio Lizana auf, umgeben von cantaores und Gitarristen, von der Schwere und Schönheit des Gesangs. Doch es war ausgerechnet eine Aufnahme von Deep Purple, die sein Vater ihm als Achtjährigem vorspielte, die ihn zur Musik brachte.
Am Konservatorium erhielt Lizana eine klassische Ausbildung, bevor ihn befreundete Gitarristen mit der Musik von Paco de Lucía und Tomatito bekannt machten. er begann, die Falsetas, die melodischen Figuren des Flamenco, auf das Saxophon zu übertragen. Dann zog er ins Baskenland, nach San Sebastián, um am Centro Superior de Música del País Vasco Jazz zu studieren. Er selbst gibt zu, dass ihn die Jazztradition zunächst kaltließ – doch beim Studium verliebte er sich in sie und fand dabei auch seine Singstimme.
Diese Stimme ist das Herzstück seiner Kunst. Ein Cantaor, der zugleich Saxophonist ist. Lizana singt mit der Inbrunst und dem dramatischen Ernst des andalusischen Gesangs, ohne in Folklore zu versinken. Seine Texte handeln nicht von Schmerz um des Schmerzes willen, nicht von den klassischen Flamenco-Themen Liebe, Tod und Einsamkeit im musealen Sinne. Er schreibt über die Wirklichkeit, die Menschen heute beschäftigt. Lizana ist eine einzigartiger Künstler: eine echter Flamenco-Sänger und ein grandioser Saxophonist, mit einem andalusischen Herzen und der improvisatorischen Seele eines Jazzmusikers.
Seit seinem Debütalbum De Viento (2012) hat Lizana eine beeindruckende Karriere aufgebaut, die ihn in über dreißig Länder geführt hat. Er spielte auf dem SXSW in Austin, bei der Flamenco Biennale in Amsterdam, auf Jazzfestivals in Shanghai und in Buenos Aires. Er nahm ein NPR Tiny Desk Concert auf – als einer der wenigen spanischen Künstler überhaupt. Er kollaborierte mit Arturo O’Farrill und Alejandro Sanz an Grammy-prämierten Werken, spielte mit Snarky Puppy, Marcus Miller und Chano Domínguez. Die Liste seiner Partner liest sich wie ein Who’s who des Jazz, und doch verliert sich Lizana in keiner dieser Konstellationen. Er bleibt erkennbar: der Mann aus San Fernando, der das Saxophon singt und die Stimme spielen lässt.
Was Antonio Lizana so besonders macht, ist nicht die bloße Fusion zweier Stile, er verbindet sie. Lizana bewahrt die duende, den schwer definierbaren Geist des Flamenco, auch in modernstem Jazz-Kontext. Er öffnet eine alte Kunst für neue Ohren – und beweist dabei, dass Tradition und Moderne keine Feinde sind.
Begleitet wird Lizana von einem wunderbaren Band und dem Tänzer und Sänger Jose Maria Castano, der Lizanas Musik und Gesang fast schon magisch auflädt.

