Autor: Bülent Gündüz

  • Mardi Gras aus Schweden

    Mardi Gras aus Schweden

    Stockholm liegt mehr als 9.000 Kilometer von New Orleans entfernt. Und doch klingt die Musik von Louisiana Avenue so, als wäre sie direkt auf dem French Quarter entstanden – vollgesogen mit Funk, Soul, Jazz und Blues, beseelt von der ungezügelten Lebensfreude des Mardi Gras und des New-Orleans-Jazz.

    Die Wurzeln von Louisiana Avenue reichen tief in eine persönliche Familiengeschichte von Frontmann und Sänger Pär Stenhammar. Sein Vater Bo Stenhammar war beim ersten New Orleans Jazz & Heritage Festival 1971 dabei und war so beeindruckt, dass er immer wieder dorthin zurückkam. Im Jahr 1980 gründete er schließlich das Stockholm Jazz Festival nach dem Vorbild des Jazzfestes in New Orleans.

    Für Pär wurde New Orleans in Kindertagen zur zweiten Heimat und die Musik sein Zuhause. Nach einem rauschenden Fest kehrte er 2012 nach Stockholm zurück und gründete Louisiana Avenue. Anfangs spielte die Band ausschließlich Klassiker von den The Meters bis Fats Domino. Im Jahr 2018 fanden die Musiker ihren eigenen Weg.Die achtköpfige Band aus der schwedischen Hauptstadt gilt heute als eine der energiegeladensten Livebands Skandinaviens und füllt Jazzfestivals in ganz Europa.

    Louisiana Avenue ist kein gewöhnliches Jazz-Ensemble. Die Formation vereint eine vollständige Bläsersektion mit Trompeten, Posaunen, Saxofonen und Sousafon zu einem mächtigen, schweißtreibenden Klangbild. Soul, Funk, Jazz, Blues, Boogie-Woogie und Cajun-Musik fließen nahtlos ineinander.

    Zur Musik gesellt sich ein aufwendiges Bühnenprogramm: Farbenprächtige Kostüme, aufblasbare Einhörner, Plastikhalsketten, Sonnenschirme und zahlreiche Kleidungswechsel schaffen die Atmosphäre eines echten Karnevalsumzugs. Das Konzert wird zur Parade, die Parade zur Party und das Publikum ist mittendrin.

    Louisiana Avenue ist mehr als eine Band. Sie ist ein Kulturprojekt, ein Liebesbrief an eine Stadt und ihre Musik – geschrieben von Menschen, die den Geist dieser Musik tief verinnerlicht haben, auch wenn der nächste Flug nach New Orleans Tausende Kilometer weit geht. Und wenn Pär Stenhammar singt: „Laissez les bons temps rouler“ – lass die guten Zeiten rollen – dann glaubt man ihm jeden Ton.


  • Eine Stimme zwischen den Welten

    Eine Stimme zwischen den Welten

    Rebekka Bakken will eigentlich nicht, dass man über ihre Musik redet – man soll sie hören und fühlen. Die norwegische Sängerin und Songwriterin besitzt eine Stimme, die über drei Oktaven reicht und sich tief unter die Haut gräbt.

    Am 4. April 1970 wurde Rebekka Bakken in Lier nahe Oslo, in eine musikliebende Familie hineingeboren. Schon früh lernte sie Geige und Klavier und sang norwegische Folklorelieder und Kirchengesänge. Als Teenager entdeckte sie Rhythm & Blues, Soul und Rock und sammelte erste Bühnenerfahrungen in einheimischen Bands. Ein Philosophie- und Wirtschaftsstudium brach sie Mitte der Neunziger ab – ihre Liebe zur Musik war einfach stärker.

    Im Jahr 1995 zog Bakken nach New York, mit dem Ziel, als Sängerin Fuß zu fassen und eroberte die dortige Jazzszene. Sie begann, eigene Kompositionen zu schreiben, und der Jazz prägte ihren Stil zunehmend. Sie selbst lehnt die Bezeichnung „Jazzsängerin“ ab und die Beschreibung würde wohl auch viel zu kurz greifen. Ende der Neunzigerjahre traf sie den österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel, mit dem sie 2001 und 2002 zwei vielbeachtete Duo-Alben veröffentlichte. In New York lernte sie auch die deutsche Pianistin Julia Hülsmann kennen – aus dieser Begegnung entstand 2003 die CD Scattering Poems, auf der Bakken Texte des Dichters E. E. Cummings zur Musik des Hülsmann-Trios interpretierte.

    Ebenfalls 2003 erschien ihr erstes Soloalbum The Art of How to Fall. In Deutschland gewann sie damit die Goldene Schallplatte (German Jazz Award) – eine Auszeichnung, die sie in den Folgejahren für Scattering Poems und Is That You? (2005) wiederholte. Dreimal in Folge: ein Zeichen, wie sehr das deutschsprachige Publikum diese Künstlerin ins Herz geschlossen hatte.

    Bakkens Musik lässt sich nicht in eine Schublade pressen: Folk, Pop, Country, Soul und Singer-Songwriter-Tradition fließen in ihren Sound, stets getragen von klarer Melodik, poetischen Texten und einer herausragenden Stimme.

    Nach Jahren in New York zog sie nach Wien, später auf eine Pferdefarm in Schweden, und lebt seit spätestens 2018 wieder in Norwegen. Alben wie Morning Hours (2009), September (2011) und Always On My Mind (2014) zeigen eine Künstlerin, die sich beständig neu erfindet, ohne sich selbst zu verlieren. Im vergangenen Jahr erschien das Album Nord auf dem Bakken fast ausschließlich auf Norwegisch singt und zu den musikalischen Wurzeln ihrer Kindheit zurückkehrt.

  • Der Klang der Karibik

    Der Klang der Karibik

    Am 22. Dezember 1984 auf der französischen Karibikinsel Martinique geboren, wuchs Grégory Privat in Saint-Joseph in einer Musikerfamilie auf. Die musikalische Tradition seiner karibischen Heimat war von Beginn an ein prägendes Element in seiner künstlerischen DNA. Sein Vater José Privat ist Komponist und Pianist und war zeitweise Mitglied der renommierten martinikanischen Weltmusikband „Malavoi“. Er ermutigte den jungen Grégory schon mit sechs Jahren zum Klavierunterricht.

    Für die Musik von Martinique ist der im 19. Jahrhundert entwickelte Beguine bestimmend, ein langsamer Swingtanz, der sich aus der afrokaribischen Rhythmik des Gwoka (Guadeloupe) und des westafrikanisch inspirierten Bélé sowie aus der französischen Musette und Elementen des amerikanischen Jazz speiste. Ein energiegeladene und rhythmusbetonte Musik entstand.

    Früh entdeckte Privat die Welt des Jazz für sich. Von 2004 bis 2007 führte er ein „Doppelleben“: Tagsüber studiert er Ingenieurwesen in Toulouse, nachts spielt er in Jazzclubs der Stadt. In dieser Zeit begann Privat, europäischen Jazz mit karibischer Musik zu verbinden. Mit einem Ingenieursabschluss in der Tasche zog er anschließend nach Paris, wo er zunächst weiter als Ingenieur arbeitete und gleichzeitig die Jazzszene der Hauptstadt erkundete. Mit 27 Jahren wagte er schließlich den entscheidenden Schritt: Er gibt seinen gut bezahlten Job auf und widmete sich fortan ausschließlich der Musik.

    Der Weg in die internationale Jazzwelt führt über wichtige Wettbewerbe und entscheidende Begegnungen. Privat nimmt 2008 am Klavierwettbewerb des Montreux Jazz Festivals teil. 2011 erscheint sein erstes Album unter eigenem Namen: Ki Koté – eine Sammlung eigener Kompositionen, die von der Kritik gefeiert wird. Es folgt 2013 Tales of Cyparis, inspiriert von der historischen Figur des Louis-Auguste Cyparis, des einzigen Überlebenden des Vulkanausbruchs des Mont Pelé auf Martinique.

    Im Jahr 2015 wurde Privat bei den Victoires du Jazz in der Kategorie „Entdeckung des Jahres“ nominiert. Ein Jahr später erschien Family Tree auf dem renommierten deutschen Label ACT.

    Privat beeindruckt mit seiner virtuosen Technik, seinem ausgeprägten Rhythmusgefühl und großer Spielfreude. Seine Musik verbindet lyrische Melodien mit komplexen Harmonien und spiegelt seine karibischen Wurzeln auf einzigartige Weise wider. Diese Verwurzelung zeigt sich auch in seiner Zusammenarbeit mit anderen Musikern der Antillen: Er spielte mit dem Saxophonisten Jacques Schwarz-Bart, dem Trompeter Franck Nicolas und dem Perkussionisten Sonny Troupé zusammen. 

    2019 gründete Privat sein eigenes Label Buddham Jazz, um künstlerisch unabhängiger zu werden. Unter diesem Label erscheinen seine persönlichsten Werke: 2020 das Trioalbum Soley, 2022 sein erstes Soloalbum Yonn, gefolgt 2023 von Nuit & Jour, einem Improvisationsalbum, das in Marseille aufgenommen wurde.

    Den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere markiert das Jahr 2024: Grégory Privat erhält den „Prix Django Reinhardt“ der Académie du Jazz – eine der bedeutendsten Auszeichnungen im französischen Jazz. Fast gleichzeitig erscheint sein achtes Album Phoenix, das er als Weiterführung von Soley betrachtet und das Leben und die ständige Erneuerung feiert. Erstmals übernahm Privat alle Gesangparts.

    Im vergangen Jahr nahm er gemeinsam mit Jacques Schwartz-Bart ein Album auf, das stärker vom europäischen Jazzsound geprägt ist. Ein meisterhaftes Werk! In diesem Jahr nun folgte mit „Darling“ das neue Album, stärker geprägt von elektronischen Sounds und der sanften Stimme von Privat.

    Grégory Privat gilt heute als eine der aufregendsten Stimmen des zeitgenössischen Jazz und als wichtiger Innovator in der Verschmelzung von Jazz und Weltmusik. Mit jedem Album beweist er, dass Martinique und Paris, Karibik und Europa, Klassik und Avantgarde keine Gegensätze sind – sondern die Quellen eines einzigartigen und unverwechselbaren Klangs.

  • Der neue Flamenco

    Der neue Flamenco

    Es gibt Musiker, die spielen ein Instrument. Und es gibt solche, die sind ein Instrument. Antonio Lizana ist einer von letzteren. Der 1986 in San Fernando geborene Andalusier singt Flamenco und spielt Jazz-Saxophon, und er tut beides gleichzeitig, ohne dass dabei das eine das andere verdrängt. Stattdessen entsteht etwas Drittes: eine Musik, die nach Meersalz und Großstadtnacht riecht, nach Cádiz und Manhattan, nach quejío und Charlie Parker.

    Lizanas Geburtsstadt San Fernando liegt auf einer Halbinsel südwestlich von Cádiz – eine Stadt, die zu den Wiegen des Flamenco zählt. Hier wuchs Antonio Lizana auf, umgeben von cantaores und Gitarristen, von der Schwere und Schönheit des Gesangs. Doch es war ausgerechnet eine Aufnahme von Deep Purple, die sein Vater ihm als Achtjährigem vorspielte, die ihn zur Musik brachte.

    Am Konservatorium erhielt Lizana eine klassische Ausbildung, bevor ihn befreundete Gitarristen mit der Musik von Paco de Lucía und Tomatito bekannt machten. er begann, die Falsetas, die melodischen Figuren des Flamenco, auf das Saxophon zu übertragen. Dann zog er ins Baskenland, nach San Sebastián, um am Centro Superior de Música del País Vasco Jazz zu studieren. Er selbst gibt zu, dass ihn die Jazztradition zunächst kaltließ – doch beim Studium verliebte er sich in sie und fand dabei auch seine Singstimme.

    Diese Stimme ist das Herzstück seiner Kunst. Ein Cantaor, der zugleich Saxophonist ist. Lizana singt mit der Inbrunst und dem dramatischen Ernst des andalusischen Gesangs, ohne in Folklore zu versinken. Seine Texte handeln nicht von Schmerz um des Schmerzes willen, nicht von den klassischen Flamenco-Themen Liebe, Tod und Einsamkeit im musealen Sinne. Er schreibt über die Wirklichkeit, die Menschen heute beschäftigt. Lizana ist eine einzigartiger Künstler: eine echter Flamenco-Sänger und ein grandioser Saxophonist, mit einem andalusischen Herzen und der improvisatorischen Seele eines Jazzmusikers.

    Seit seinem Debütalbum De Viento (2012) hat Lizana eine beeindruckende Karriere aufgebaut, die ihn in über dreißig Länder geführt hat. Er spielte auf dem SXSW in Austin, bei der Flamenco Biennale in Amsterdam, auf Jazzfestivals in Shanghai und in Buenos Aires. Er nahm ein NPR Tiny Desk Concert auf – als einer der wenigen spanischen Künstler überhaupt. Er kollaborierte mit Arturo O’Farrill und Alejandro Sanz an Grammy-prämierten Werken, spielte mit Snarky Puppy, Marcus Miller und Chano Domínguez. Die Liste seiner Partner liest sich wie ein Who’s who des Jazz, und doch verliert sich Lizana in keiner dieser Konstellationen. Er bleibt erkennbar: der Mann aus San Fernando, der das Saxophon singt und die Stimme spielen lässt.

    Was Antonio Lizana so besonders macht, ist nicht die bloße Fusion zweier Stile, er verbindet sie. Lizana bewahrt die duende, den schwer definierbaren Geist des Flamenco, auch in modernstem Jazz-Kontext. Er öffnet eine alte Kunst für neue Ohren – und beweist dabei, dass Tradition und Moderne keine Feinde sind.

    Begleitet wird Lizana von einem wunderbaren Band und dem Tänzer und Sänger Jose Maria Castano, der Lizanas Musik und Gesang fast schon magisch auflädt.

  • Der weiße Barry White?

    Der weiße Barry White?

    Mit dem Song „This is what you are“ begann 2006 Mario Biondis Solokarriere. Die Single schaffte es auf Anhieb auf Platz 36 der italienischen Charts, das Album „Handful of Soul“ konnte sogar Platz Eins erobern und hielt sich 72 Wochen in den Chartliste. Alle Singles und Alben waren seither in den italienischen Charts. In Deutschland ist Mario Biondi nur Insider ein Begriff, in Italien ist er ein Mega-Star.


    Das verwundert ein bisschen, denn Biondi singt zwar auch auf Italienisch, meist jedoch auf Englisch. Seine sanfte, leicht rauchige Stimme haucht er ins Mikro, verführerisch wickelt er das Publikum um den Finger und entführt ins Dolce Vita. Viele vergleichen Biondi mit Barry White, in vielem erinnert er aber eher an Isaac White. Die Wahrheit liegt wohl da zwischen: ein bisschen Groove von Barry White, ein bisschen Charisma von Isaac Hayes und ganz viel Mario Biondi. Einer der großen Crooner der Gegenwart.

    Biondi wurde 1971 als Sohn eines Liedermachers in Catania auf Sizilien geboren. Das Musikmachen ist ihm also in die Wiege gelegt worden. Aufgewachsen mit einer Großmutter, die Opernarien sang, und einem Vater, der sizilianische Volkslieder schrieb, lernte Biondi früh, dass Musik kein Beruf ist, sondern eine Haltung. Mit zwölf stand er zum ersten Mal auf einer Bühne. Er spielte in Clubs, in Bars, in Hinterzimmern. Er begleitete Tourneekünstler, trat im Schatten fremder Bekanntheit auf und entwickelt seien einzigartige Stimme.

    Im Alter von 17 Jahren durfte er mit Ray Charles singen. Im Jahr 2003 nahm er mit dem Jazz-Drummer Chicco Capiozzo und Michele Guidi (alias „Mecco“; Orgel) deren Album Whisky Go Go auf. Ein tolles Jazzalbum mit genialen Beats, das bis heute unterschätzt wird – auch wenn der Titelsong mehrfach auf Samplern auftauchte!

    Dann kam „A Handful of Soul“ und Biondi wurde über Nacht zum Star. die Single „This is what you are“ erlangte Gold-Status, das Album „If“ aus dem Jahr 2010 sogar Platin. Mit drei Nummer-Eins-Alben ist er einer der erfolgreichsten Sänger seines Heimatlandes.

    Wenn Biondi singt, dann klingt das immer cool und lässig mit einem Schuss Erotik. Dolce far niente in Musik gegossen! Jazz, Pop, Soul, R ’n B -für Biondi gibt es keine Genre-Grenzen. Das macht seine Alben so spannend, denn – seien wir mal ehrlich – Barry White wird irgendwann fad, wenn man mehr als drei Lieder hört, Biondi Zeit uns in seinen Bann und lässt uns nicht mehr los. Wein bisschen Pop, ein bisschen Jazz und ganz viel Liebe zur Musik.

    Wer Mario Biondi live erlebt, versteht, was mit dem viel strapazierten Wort der Bühnenpräsenz gemeint ist. Nicht der Effekt. Nicht das Spektakel. Nur ein Mann mit einer Stimme, die den Raum füllt. Manchmal reicht das.

  • Legendärer Fusion

    Legendärer Fusion

    Man muss sich das kurz vor Augen führen: Als die Yellowjackets 1981 gegründet wurden, war Helmut Schmidt Bundeskanzler und Ronald Reagan wurde als 40. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Das ist 45 Jahre her, und es ist grundsätzlich eine Meisterleistung, sich so lange im Musikbusiness zu halten. Es auf dem Niveau der Yellowjackets zu tun, ist eine besondere Meisterleistung.

    Anfang der 1980er-Jahre war Fusion Jazz angesagt. Die neuartige Mischung aus komplexem Jazz, heißen Rhythmen des Funk und der Energie des Rock galt als fortschrittlich und schick, schien dem Jazz aber auch seine vermeintliche Intellektualität zu rauben. Das klang alles so schön eingängig, dass man dazu mitwippen und tanzen konnte.

    Dabei hatte kein Geringerer als Miles Davis gemeinsam mit Joe Zawinul der Stilrichtung des Fusion mit seinen Alben „In a Silent Way” und „Bitches Brew” Anfang der 1970er Jahre zum Durchbruch verholfen und einen stark elektronischen Sound in die Jazzmusik eingebracht. Weather Report, Chick Corea, Herbie Hancock und das Mahavishnu Orchestra (mit Billy Cobham) gehörten zu den Großen des Genres.

    Der US-amerikanische Jazzgitarrist Robben Ford war der Initiator der Gründung der Robben Ford Group. Gemeinsam mit Keyboarder Russell Ferrante, Bassist Jimmy Haslip und Schlagzeuger Ricky Lawson spielte er in dieser Band. Als die Plattenfirma von Ford ein neues Album wollte, das stärker in Richtung Pop tendieren und mehr Gesang beinhalten sollte, rebellierten die Musiker. Sie wollten lieber instrumental arbeiten und näher am Jazz bleiben. Kurzerhand gründeten sie eine Band in der Band. Das erste Album in giftigem Gelb trug den Namen der neuen Gruppe und war stark vom Funk inspiriert: flotte Rhythmik, Synthesizer und die Hammond-Orgel bestimmten die Songs. Das Projekt schien allerdings kurzlebig zu sein. Als das zweite Album „Mirage à Trois” 1983 für einen Grammy nominiert wurde, hatte sich das Projekt bereits wieder aufgelöst.

    Im Jahr 1984 gründeten Haslip und Ferrante die Band neu. Saxophonist Marc Russo ersetzte Ford. 1986 verließ der Drummer Lawson die Band und wurde durch William Kennedy ersetzt. Mit den neuen Mitgliedern wandelte sich der Stil der Band in Richtung „Worldbeat“. Die Stücke wurden ruhiger und scheinen von anderen musikalischen Kulturen beeinflusst zu sein. Das Saxophon trat stärker in den Vordergrund und die Beats wurden „jazziger”. Eine Entwicklung, die sich in den kommenden Alben fortsetzte.

    Mit dem Weggang von Russo änderte sich der Stil erneut. Saxofonist Bob Mintzer stieß zur Band. Die Yellowjackets wurden experimentierfreudiger: Streicher untermalten einige Stücke, manche waren leicht und gingen eher in Richtung Acoustic Jazz, andere schienen dann wieder stärker vom Modern Jazz inspiriert zu sein. Es schien fast so, als wollten die Yellowjackets einen „Jazz für alle” erfinden. Jazzpuristen verspotten den eingängigen Jazz als „Easy Listening”, doch gerade bei den Yellowjackets greift das viel zu kurz. Die Yellowjackets spielten keine „Fahrstuhlmusik”, sondern durchaus komplexe Stücke, die leicht daherkommen. Das ist die eigentliche Kunst der Band und das Geheimnis ihres Erfolgs.

    Bob Mintzer ist ein grandioser Arrangeur – das war wohl auch ein Grund, warum er 2016 Chefdirigent der WDR Big Band wurde. Spätestens seit Anfang der 2000er-Jahre trieb er die Band gemeinsam mit Ferrante immer stärker weg vom Fusion Jazz hin zu komplexeren Arrangements mit deutlicherer Rhythmik und Jazzelementen der 1950er- und 1960er-Jahre. Das Album „Mint Jam” (2002) war ein erster hörbarer Beweis dieses Wandels und wurde prompt für einen Grammy nominiert.

    Die Kritiker sind längst verstummt, die Musik des Quartetts längst als stilprägend anerkannt. Was die Band in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat, ist einzigartig. Ihr Jazz ist für jedermann „hörbar”, gleichzeitig ist er jedoch nie flach, immer vielschichtig, mitreißend und von Improvisation geprägt, sodass auch Jazzpuristen gerne zuhören.

    Mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Album „Fasten Up” ist ihnen ein großer Wurf gelungen, der auch für den Grammy nominiert war. Insgesamt waren sie 17 Mal nominiert und haben zweimal gewonnen. Auch das ist ein Zeichen der herausragenden Qualität der Yellowjackets. Man kann nur hoffen, dass sie noch viele Alben aufnehmen!

  • Politisch, weiblich, richtig gut!

    Politisch, weiblich, richtig gut!

    Als unser künstlerischer Leiter Oliver Strauch 2023 fill in als Festival initiierte, war für ihn klar, dass er eine Mischung aus arrivierten Weltstars und aufstrebenden Talenten zeigen wollte. Die Großen des Genres sollten die ganze Qualität des Jazz, die Talente die aktuellen Trends zeigen. Im ersten Jahr war dieses Ansinnen noch gut zu erkennen, inzwischen ist die Qualität des Festivals so gestiegen, dass man kaum noch zwischen arrivierten und angehenden Weltstars unterscheiden kann. Das beweist nichts so gut, wie der erste Festivalabend. Zuerst spielen Stochelo und Mozes Rosenberg, die als große Gitarrenvirtuosen gelten dürfen, dann Lakecia Benjamin. Wer ist hier noch Star und wer Talent?

    Der arrivierte Weltstar ist sicher Stochelo Rosenberg, allerdings steht ihm Lakecia Benjamin in nichts nach. Seit ihrem Album „Phoenix“ (2020) erlebte sie einen raketenhaften Aufstieg. Lange nur eingefleischten Jazzfans ein Begriff, bekam sie nun drei Grammy-Nominierungen für das Studioalbum und zwei für die Live-Aufnahme. Dazu im vergangenen Jahr den Deutschen Jazzpreis.

    Wenn man über Trends im Jazz redet, dann kommt man an Lakecia nicht vorbei. In den letzten Jahren hat die New Yorker Jazzszene wieder stark an Einfluss gewonnen. Das liegt auch und vor allem an „Jazz at Lincoln Center“, das spätestens mit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Wynton Marsalis wieder einer der weltweiten Hotspots des Jazz ist. Nicht weniger daran beteiligt sind die großen Jazzclubs wie das Smoke, das Village Vanguard, die Jazz Gallery und natürlich das Apollo Theater.

    Benjamin wuchs inmitten der Stadt auf, im Viertel „Washington Heights“, damals geparkt von dominikanischen Migranten, von Gewalt und Kriminalität – das prägt ihr musikalisches Werk. Schon früh begann Benjamin mit dem Saxophonspiel, bewarb sich an der Fiorello LaGuardia High School für darstellende Künste und spielte dem Jazzmusiker Bob Steward vor. Steward bescheinigt ihr Talent und ließ sie Jazz hören, um sie in das Schulorchester aufzunehmen. Hier war sie bald Bandleaderin. Sie war von der Musik so begeistert, dass sie nach der High School im Jazzprogramm der New Yorker New School studierte. Da spielte sie schon mit Größen wie Clark Terry und Rashied Ali.

    Legendär ist die Geschichte, wie Benjamin versuchte, Prince‘ Aufmerksamkeit zu ergattern um mit ihm spielen zu dürfen. Mehrfach hatte sie versucht, zu dem Künstler auf die Bühne zu stürmen, um mit ihm zu jammen. Das Ansinnen scheiterte, bis ein solcher Versuch in einen Tumult mit dem Türsteher gipfelte. Der Vorfall drang bis zu Prince vor und der war wohl so beeindruckt von der jungen Frau, dass er sie zum Vorspielen einlud. Zwei Wochen lang durfte sie dann auf seinen After-Shows Musik machen. Eine besondere Ehre!

    Auch wenn Benjamin immer Jazzmusikerin war, spielte sie auch mit Pop-Größen wie Stevie Wonder und Alicia Keys und Hip-Hop-Stars wie Missy Elliott, Lil Wayne, Jay-Z und J Cole. Ihr erstes eigenes Album erschien 2012 und war eine Mischung aus Jazz mit ganz viel Soul und Funk. Mit „Pursuence: The Coltranes“ wagte sie sich ein paar Jahre später ganz in den traditionellen Jazz und legte ein grandioses Album vor. Die Saxophonistin spielte Arrangements von Alice und John Coltrane ein. Die Kritik war begeistert. Es war ihr großer Durchbruch und zeigte erstmals ihr ganzes Können. Ron Carter und Dee Dee Bridgewater als Gastmusiker sprechen eine deutliche Sprache.

    Mit ihrem aktuellen Studioalbum „Phoenix“ (2020) geht sie ihren Weg bewusst weiter. Neben Jazz, Funk und Soul spielt nun auch Hip-Hop eine nicht unwesentliche Rolle. Musikalisch ist das längst höchstes Niveau und Benjamin zeigt in ihren Texten, was sie umtreibt: Kriminalität, Gewalt, Diskriminierung sind ihre Themen und sie sind in Trump Vereinigten Staaten aktueller denn je.

    Besonders drastisch ist der letzte Song des Albums: „Amerikkan Skin“, das mit einer Schießerei und Polizeisirenen startet, dann setzt die Stimme von Bürger- und Frauenrechtlerin Angela Davis ein, gefolgt von einem dramatischen Saxophon und einem gehetzten Drumbeat. Benjamins Saxophonsound ist sonst eher im latein- und afroamerikanischen Jazz zu Hause mit starken Anklängen an den Modern Jazz. Hier ist sie ganz um zeitgenössischen Jazz und nimmt viele Einflüsse der New Yorker Jazzszene auf, ihr Sound ist extrem energiegeladen und intensiv.

    Ich bin mir sicher, dass dieses Konzert niemanden in den Stühlen halten wird und freu mich wahnsinnig auf diesen Abend. Es wird ein Genuss!

  • Die Kings of Strings

    Die Kings of Strings

    Als Mitte der 1990er-Jahre die Weltmusik im Mainstream abseits der Esoterik ankam, war ich immer dann besonders fasziniert, wenn sich Jazz mit Elementen der Weltmusik, also eher traditioneller folkloristischer Musik, mischte. Angetan hatte es mir vor allem der Klezmer, zu dem ich den saarländischen Klarinettisten Helmut Eisel kam. Diese Lebensfreude, die sich auch in den dunkelsten Zeiten nicht vertreiben ließ, fand ich faszinierend.

    Neben afrikanischer Weltmusik bin ich auch beim Gypsy-Jazz hängen geblieben. Django Reinhardt, aber auch Opa Tsupa, Schnuckenack Reinhardt, Biréli Lagrène oder Prinzo Winterstein gehörten für mich zu den Großen.

    Für mich war das immer eine Mischung aus beschwingter Sinti/Roma-Folklore mit starken Anteilen an Improvisation. Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass das nicht einfach eine zusammengeklöppelte Mischung ist, sondern dass die Ferret-Brüder Baro, Sarane und Matelo und Django Reinhardt Ende der 1920er-Jahre begannen, mit den Gitarren im Mittelpunkt die traditionelle Musik der Sinti mit swingenden Valse-Musette-Klängen zu verbinden und über gebrochene Akkorde improvisierten und damit den ersten europäischen Jazzstil schufen.

    Bis heute ist diese kulturelle Leistung kaum be- und noch viel weniger anerkannt. Im Mittelpunkt immer die Gitarren, häufig ergänzt um Violine und/oder Kontrabass. Dabei übernimmt eine Gitarre meist den Lead und die Melodie, während die andere den Rhythmus bestimmt, das wechselt aber auch in atemberaubender Geschwindigkeit. Lead- und Rhythmusgitarre wechseln wild hin zu zurück, dazwischen wird scheinbar wild improvisiert. Richtig bunt wird es, wenn mehrere Gitarren dabei sind und man als Zuhörer schwindlig gespielt wird. Ruhig sitzen zu bleiben, ist dann selbst für mich als bekennendem Nichttänzer schwierig.

    Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Entwicklung spielten die Manouches – bis heute hält sich der Terminus „Jazz Manouche“ insbesondere im französischsprachigen Raum. „Manouche(s)“ ist die Bezeichnung für die Sinti aus der heutigen Region Grand Est, die vor allem aus dem Elsass stammen.

    Zu den großen Dynastien dieses Genres gehört zweifellos die Familie Rosenberg. Zu den Begründern muss man sicher Latcheben Grünholz, dem Großvater der gerade aktuellen Generation um Stochelo und seinen Bruder Mozes, zählen, aber auch deren Cousins Jimmy und Romane Rosenberg sowie die Neffen Nous’che und Nonnie Rosenberg. Auch der Onkel Waso Grünholz war ein herausragender Musiker, genauso wie der Vater Mimer.

    Bedeutendster Musiker in der Familie ist aber zweifellos Stochelo, der insbesondere mit dem Rosenberg Trio (Nous’che [Gitarre] und Nonnie Rosenberg [Kontrabass]) zur Weltspitze des Gypsy-Jazz gehört. Mehr als 20 Alben haben die drei Musiker veröffentlicht, auf zahlreichen Jazzfestivals weltweit waren sie zu Gast. Imme wieder gesellten sich andere Mitglieder der Familie mit auf der Bühne, in wechselnden Konstellationen haben die Musiker die Bühne für Begeisterungsstürme gesorgt. Zuletzt gehörten neben Stochelo sein Bruder Mozes und der Gitarrist Paulus Schäfer zum Trio.

    Eines der Live-Alben von Stochelo trägt den vielsagenden Titel „Kings of Strings“ (mit Tommy Emmanuel und Vlatko Stefanovski) und tatsächlich trifft es das ganz gut. Kaum jemand spielt so virtuos Gitarre wie er und nicht umsonst zählt Rosenberg zu den besten Gitarristen weltweit. Imme wieder sprengt Stochelo auch Grenzen, nähert sich mal dem Chanson an (wie im legendären Album Serestra Double deluxe), wagt wilde Ritte durch alle Genres (wie im Album „Tribulations“ mit Romane Rosenberg) oder ist ganz nah am Jazz US-amerikanischer Prägung, wie im Album „Double Jeu“.

    Nun wagt Stochelo mit seinem jüngeren Bruder Mozes erneut neue Wege. Die beiden waren Teil eines Filmprojekts von Carmen Chaplin, einer Enkelin von Charlie Chaplin. Lange war es nur eine Vermutung, doch Carmen weist in ihrem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2024 nach, dass Charlie Chaplin Sinti-Vorfahren hatte. Chaplin war, das zeigen handschriftliche Notizen, sich dieser Tatsache sehr bewusst und hielt sie doch geheim. Der Film beleuchtet den Einfluss der Sinti-Kultur auf Chaplins Werk, insbesondere auch auf seine Musik, denn Chaplin komponierte die Musik für seine Filme häufig selbst, erhielt dafür sogar 1973 mit Raymond Rasch und Larry Russell einen Oscar.

    Bei fill in stellen Stochelo und Mozes Rosenberg erstmals gemeinsam mit Kontrabassist Matheus Nicolaiewsky ihr neues Album „Stochelo & Mozes Rosenberg play Charlie Chaplin“ vor, dass Chaplins Musik aufgreift und ganz persönlich interpretiert. Eine Hommage an Chaplin und seine Musik. Und eine Weltpremiere!

  • Zwischen Orient und Okzident

    Zwischen Orient und Okzident

    Dhafer Youssefs Tour alleine in diesem Jahr spricht Bände: Er ist beim Jazzfest in Budapest, bei Jazz à Vienne, besucht das La Défense Jazz Festival in Paris, spielt beim beim Montreal Jazz Festival, beim Festival Arabesques und natürlich bei fill in – International Jazz Festival Saar.

    Ich habe Dhafer Youssef erstmals mit seiner zweiten Platte „Electric Sufi“ wahrgenommen. Als jemand mit türkischem Migrationshintergrund erkenne ich natürlich sofort das Instrument, dass Yousef spielt, auch wenn es in der türkischen Musik kaum vorkommt. Die arabische Oud ist eine Kurzhalslaute, die Saz (in der Türkei häufig die mittellange Bağlama) eine Langhalslaute.

    Auch wenn beide unterschiedlich klingen und auch anders gespielt werden, sind sie sich nicht unähnlich. Die Oud klingt aber weicher und mit ihr lässt sich auch besser improvisieren. Während die Saz mit einem Plektrum gespielt wird, lässt sich die Oud mit Plektrum und Fingern spielen, was das Spektrum der Möglichkeiten erweitert.

    Als „Electric Sufi“ 2001 erschien, war ich gerade ein bisschen von der reinen Lehre des Jazz abgekommen und schaute mich stark in der Weltmusik um. Am liebsten dort, wo Jazz und Weltmusik sich überschnitten, etwa Musiker wie Nguyên Lê, Abdullah Ibrahim, natürlich der Buena Vista Social Club und viele afrikanischstämmige Musiker , die unbekümmert Jazz, Pop und Folkloristisches mischten. So musste man zwangsläufig irgendwann auch über den Namen Dhafer Youssef stolpern.

    „Electric Sufi“ war so anders als alles, was ich bisher kannte. Da war ein Musiker, der sich um Genre und musikalische Grenzen nicht scherte. Fröhlich kombinierte Youssef die Oud mit elektronischen Klängen des Synthesizers, Kontrabass, indischer Perkussion, europäischem und US-amerikanischem Jazz und kreierte etwas komplett Neues. Orientalische Sufi-Musik trifft auf Jazz, Rock, Elektro, Klassik und arabischer und indische Musik. Es entstand eine Musik, die den Zuhörer wie auf einem Teppich davon trägt in moderne arabische Städte, nach New York, nach Neu-Delhi, in die Wüsten des Nahen Ostens und in die Medina von Tunis.

    Bei Youssef hatte man erstmals das Gefühl, es gibt so etwas wie einen arabischen Jazz und er war für dieses Genre tatsächlich ein ähnlicher Vorreiter wie Jan Garbarek Jahre zuvor für den nordischen Jazz. Mit dem Album „Birds Requiem“ nimmt er die ätherisch wabernden Sounds auf, für die Garbarek so bekannt wurde, und würzte sie mit einer Prise Orient.

    Youssef ist aber nicht nur ein außergewöhnlicher Oud-Spieler, er nutzt seine mehrere Oktaven umfassende Stimme als Instrument und mischt in westliche Jazz-Klänge den typischen arabischen Gesang, den man sofort erkennt. Was sich wie Sprache anhört, ist meist nur ein Aneinanderreihen von Tonsilben, die ineinanderfließen. Das hinterlässt eine sehr ruhige, fast kontemplative Stimmung, die den Zuhörer in eine Welt von Tausendundeiner Nacht entführt. Aber Youssef singt auch arabische Texte.

    Wenn man dem Tunesier eines nicht vorwerfen kann, dann dass er langweilig ist. In den letzten beiden Jahrzehnten bewies er, wie viel Kraft in ihm und seiner Musik steckt. Obwohl Youssef seinem einmal entwickelten Stil treu geblieben ist, hat er sich konsequent weiterentwickelt.

    Mit dem aktuellen Album „Street of Minarets“ geht der Jazzmusiker den eingeschlagenen Weg weiter, integriert aber etwas stärker einen westlichen Jazz-Sound. Das wird schon im titelgebenden „Street of Minarets“ offensichtlich: Unter seinen arabischen Gesang legt Youssef einen modernen Jazzklangteppich. Auch in „Funk Sharq“, „Sudra Funk“ oder „Herbie’s Dance“ stehen die Jazzsounds gleichberechtigt neben Oud und arabischem Gesang.

    Warum das so ist, verrät die Entstehungsgeschichte der Platte. Der in Frankreich lebende Künstler lud mehrere Kollegen ein, mit ihm gemeinsam Musik zu machen. erst Mals feststand, wer dabei sein würde, komponierte Youssef. Herbie Hancock, Rakesh Chaurasia, Ambrose Akinmusire, Nguyên Lê, Dave Holland, Adriano Tenorio und Vinnie Colaiuta sind mit dabei. Insbesondere Hancock, Lê und Holland dürften vielen etwas sagen, zählen sie doch schon lange zu den Weltstars des Jazz.

    Auch Chaurasia ist kein unbekannter. Der indische Flötist ist kein Jazzmusiker, gehört aber zu den ganz großen der indischen Musik. Der US-amerikanische Jazztrompeter Akinmusire schwingt sich gerade zu den Großen auf. Seine Alben werden vom Jazzmagazin Downbeat fast immer mit den selten vergebenen fünf Sternen bewertet. Adriano Tenorio kenne zwar nur eingefleischte Jazzfans, die verehren den Schlagzeuger für seine Spielfreude und Improvisationskraft dafür umso mehr. Seinen Schlagzeugkollegen Vinnie Colaiuta dürften dann wieder viele kennen, weil er mit allen großen Musiker:innen auf der Bühne stand: mit Leonhard Cohen und Frank Zappa, Herbie Hancock und Chick Corea, Sting und Billie Evans.

    Entstanden ist ein Album, das einfach nur Spaß macht. Man merkt, dass die Musiker im Studio wirklich mit Lust und Laune gearbeitet haben. Andächtig lauscht man den sphärischen Klängen von „Flying Derwish Outro“, wippt bei „Spinning Hermit“ mit und bekommt mit „Bal D’âme“ feinsten Pianojazz von Hancock mit der Begleitung von Youssef an der Oud. Ein Dialog zweier großer Musiker. Ich freu‘ mich. Der Abend mit Dhafer Youssef wird ein rauschendes Jazzfest werden!

  • fill in AVENUE kommt

    fill in AVENUE kommt

    Es ist Mitte April, nicht mehr lange also, bis die fill in AVENUE startet und damit auch die Festivalsaison 2025. Auf die Idee kamen wir Anfang 2024. Wir wollten etwas Besonderes und Anderes machen. Neben dem klassischen Festival wollten wir eine Veranstaltung etablieren, die Menschen für den Jazz begeistern sollte und sie zum Festival lockt, auch wenn sie vielleicht keine klassischen Jazzhörer sind.

    Gemeinsam mit der GIU kamen wir auf die Idee, in der Gasse vor der alten Buswerkstatt in Quartier Eurobahnhof ein großes Straßenfest zu feiern. Ein Wagnis für uns. Wir mussten trotz Partnerschaft mit der GIU einiges finanzieren. Wir wollten alle Konzerte kostenlos halten, um möglichst vielen Menschen neugierig zu machen. Gleichzeit war Musik alleine nicht genug. Also haben wir Street-Food-Stände angesprochen, ein Kinderprogramm organisiert und mit Händlern geredet, ob sie nicht bei uns verkaufen wollen.

    Und wir waren selbst verblüfft: An einem Freitagabend im April feierten mehr als 4600 Menschen mit uns. Das Echo war großartig und die Begeisterung auf allen Seiten spürbar. Unser Produktionsleiter Paul Strohbach und unser Designer Tobias Turco hatten ganze Arbeit geleistet und ein tolles Flair kreiert. Dazu die Bajou Brass band, sich sich mehrfach musizierend durch die Straßen bewegte, die Band Problembär und die DJs hatten für gute Stimmung gesorgt. Dazu Malen, Schminken, ein Zauberer – ein tolles Kinderprogramm sorgte auch für fröhliche Stimmung bei den kleinen Besucher:innen.

    Richtig voll war die Hütte, als die Stars des 1. FC Saarbrücken zur Signierstunde kamen und auch für Fotos zur Verfügung standen. An einer Torwand könnt man Lose gewinnen, die in einen Topf wanderten. Zu gewinnen gab es Businesstickets, Festivalkarten und Trostpreise wie Popcorn. Der Erlös ging an das Projekt Regenbogen der Saarländischen Krebsgesellschaft.

    Der Aufwand und die Kosten für fill in AVENUE sind hoch, warum also nicht zwei Tage, wenn eh schon alles steht? Das war der erste Gedanke nach dem Ende der AVENUE und wir hatten wieder Glück – die GIU als Finanzpartner wollte das auch!

    Nun also an zwei Tagen. Los geht es freitags um 16 Uhr. Wie im letzen Jahr werden einige Stars des 1. FC Saarbrücken anwesend sein, In diesem Jahr erstmals dabei ist das Fanmobil des 1. FCS und wird ein paar Stunden halt machen. Und auch die Torwand ist wieder vor Ort. Bemalt wird sie von Kindern der Grundschule Am Ordensgut.

    In diesem Jahr wieder mit dabei ist „Problembär“, die feinsten „Groovekrach“ spielen, wie sie ihre Musik selbst nennen. Es ist eine Mischung aus Jazz, Punk, Funk und Soul. Vorher wird Franz Becker & Friends für entspannte Stimmung sorgen mit Smooth Jazz und Blues.

    Am Samstag geht es ab 11 Uhr mit einem Familientag weiter, am Nachmittag steht fill in AVENUE dann ganz im Zeichen des Lindy Hop. Der Tanzstil entstand Ende der 1920er-Jahre in den großen Ballsälen New Yorks zeitgleich mit dem Aufschwung des Swing der großen Big Bands, welche die Jazzmusik ­ orchestral weiterentwickelten. Unabhängig von Gesellschaftsschicht und Hautfarbe wurde im Savoy Ballroom und dem Cotton Club getanzt und das Leben gefeiert.

    Gemeinsam mit Lindy Hop Saarbrücken lädt fill in nicht nur zum Social Dance mit Live-Musik ein, es wird Vorführungen mit Choreografien geben, Flashmobs und einen Schnupperkurs für Anfänger. Die Musik kommt von der fünfköpfigen Swingband „Gramophoniacs“. Ein Leckerbissen auch für Nichttänzer:innen!

    Beide Abende beschließen übrigen DJs. Am ersten Abend legt Dj Liliom auf, am zweiten DJ Metty. Liliom spielt einen Gute-Laune-Mix, Metty, eigentlich Matthias von Humpty Records, wird vor allem Jazz auf den Plattenteller bringen.

    Dazu gibt es natürlich allerhand Leckereien, außerdem Marktstände, die Kunst, Kunsthandwerk, Schallplatten, Schmuck und Mode anbieten. Und auch für die Kleinen wird es wieder eine Menge zum Schauen und Ausprobieren geben.